Giorgio Parolini überzeugt in St. Gallus mit Klangsinn
20. April 2008
Bernard Sanders ist es sichtlich eine Freude gewesen, am Sonntag den Mailänder Organisten Giorgio Parolini zur zweiten „Geistlichen Abendmusik in der Fastenzeit“, diesmal in St. Gallus, begrüßen zu dürfen. Und der international tätige Parolini enttäuschte die Erwartungen nicht.
Parolini begann mit norddeutschem Barock, mit Buxtehude und der Passacaglia in d-Moll; deren Gewebe der Läufe waren als kräftiges Entree angelegt, aber immer durchsichtig. In den folgenden Choralvorspielen von Buxtehude und Bach zeigte Parolini seinen Klangsinn, den man fast durchgängig genießen konnte. Die Choräle immer klar ausarbeitend, gewann er der Rieger-Orgel der St.-Gallus-Kirche immer neue, interessante Fragen und Mischungen ab. Die Orgel ist in ihrer Grunddisposition ja eher herb, aber Parolini zeigte auch ihre weichen, dunklen Seiten.
Erster Höhepunkt: Bachs Präludium und Fuge h-Moll. Das Präludium mit seinen ausdrucksstarken Synkopierungen kam klangmächtig und im Klang angemessen hart; ohne Umschweife und Ritardando – Parolini schätzt offenkundig schroffe Schlüsse und machte kaum von diesem Mittel Gebrauch – ging es in die Fuge, deren Anfang, wie dann der Mittelteil, durch etwas weniger Lautstärke an Transparenz gewonnen hätte, die im Finale jedoch überzeugte.
Aparte Klangmischungen
Der zweite Teil führte in modernere Gefilde. In Jeanne Demessieux‘ „Attende Domine“, ganz der französischen Schule mit ihrer expressiven, am Impressionismus geschulten Harmonik verpflichtet, erfuhr die Farbigkeit des Stückes eine überzeugende Steigerung durch die aparten Klangfarben, die Parolini hier mischte. Ähnlich in der Choral-Meditation über „Herzliebster Jesu“ von Bernard Sanders: In einem fast asthmatischen Subbass sank zunächst eine mysteriöse Linie ins Bodenlose, bevor die Passionsbotschaft durch Verfremdungen und Spreizungen überzeugend modern ohrenfällig wurde. Im Interesse des Meditativen hätten hier die Klanggegensätze vielleicht nicht so extrem herausgestellt werden müssen, denn das Stück hat genug Ausdruckskraft.
Johannes Brahms rundete das Programm ab. „O Traurigkeit, o Herzeleid“ stellt den Choral vor, der hier nasal ein weiches Geflecht durchbrach, und in der Fuge, klanglich schön korrespondierend, in tiefer Lage weit augmentiert ausgebreitet wurde.
Ein überzeugender musikalischer Spätnachmittag zur Fastenzeit, dem der falsche Frühling wohl einige Zuhörer geraubt hat, die er verdient gehabt hätte.