Kolossale Orgelklange
9. August 2002
Besonders geglückt sind Momente, wenn Musikwerk und dessen Vermittlung übereinstimmen. Eine solche Symbiose war am Mittwoch im sechsten Sommerorgelkonzert in der Darmstadter Pauluskirche zu verspüren. Wie üppig blühende mediterrane Landschaften breitete der italienische Organist Giorgio Parolini (Jahrgang 1971)
„Thème et Variations“ op. 115 seines 1861 am Gardasee geborenen Landsmannes Marco Enrico Bossi aus. Parolini spannte den Bogen über fast 400 Jahre Orgelkunst.
Sehr exakt, mit deutlich herausgestelltem Bassthema und flüssigen Figuren, kontrastreich registriert, spielte er Buxtehudes Ciacona e-Moll, die nach strengem Beginn mit plötzlich auftauchenden chromatischen Linien offenbarte, wie fortschrittlich Bachs Lehrmeister bereits komponierte. Von Bach selbst stammten der idyllische Choral „An Wasserflüssen Babylons“ (BWV 653b) sowie Präludium und Fuge Es-Dur (BWV 552). Parolini präsentierte die Werke wie wuchtige Kolosse, betonte die immense harmonische Spannung in den Vorhalts-Dissonanzen und die halsbrecherisch jagenden, gelegentlich im Übereifer sich überschlagenden Tonkaskaden und fulminanten Klangballungen.
Korrespondierend hierzu in der zupackenden, optimistischen Grundhaltung passte Alexandre Pierre François Boelys effektvolle, geradezu reißerische „Fantaisie et Fugue“. Parolini suggerierte hier orchestrale Fülle und ließ das dem Thomaskantor huldigende B-A-C-H-Motiv erhellend aufblitzen. Als Ruhepunkte ergänzten romantische Stücke von Schumann, Brahms und César Franck – allesamt liebevoll und farbig registriert – den spannungsreichen Orgelabend.
Albrecht Schmidt (Darmstaedter Echo, 9. August 2002)