Giorgio Parolini schöpfte aus dem Vollen
1. Mai 2001
Mailänder Organist spielte an der Domorgel
Bekannte und unbekannte Flötentöne standen auch beim zweiten österlichen Orgelkonzert am Sonntag im Dom auf dem Programm. Giorgio Parolini hieß diesmal der Gast, Johann Sebastian Bachs ernstes Präludium und Fuge c-Moll (BWV 546) setzte er an den Anfang, womit er unverzüglich seine Kompetenz in Sachen Orgel bewies. Auf den riesigen Raum bestens zugeschnitten, verbreitete der italienische Organist einen üppigen Klangrausch, der gleichwohl Durchsichtigkeit behielt, sowohl im Präludium mit seinen ausufernden Klangflächen, als auch in der filigranen Fuge, deren ruhig fließendes Thema ihm indes zusehends davongaloppierte.
Vor derartigem Antrieb blieb Bachs Choralbearbeitung ”Dies sind die heil’gen zehn Gebot” bewahrt. Mit allerlei Zahlensymbolik ausgestattet, lieferte der Interpret eine Version, die an Klarheit so wenig zu wünschen übrig ließ wie einst die steinerne Gesetzestafel des Mose.
Nach Bach präsentierte Giorgio Parolini, Jahrgang 1971 und seit 1999 Hauptorganist der Basilika St. Euphemia in Mailand, das Unbekannte. Musik aus seiner Heimat, zum Beispiel Ottorino Respighis Bach–Huldigung (ein “Preludio” über einen Choral des Thomaskantors), oder das auftrumpfende “Alleluja-Final”, für das Marco Enrico Bossi ein lakonisches, universal wandelbares Vier-Ton-Motiv erfand und ausgiebig beleuchtete.
In der Schweiz vervollkommnete Giorgio Parolini die Meisterschaft auf ”seinem” Instrument. Lionel Rogg zählte da zu seinen prominenten Lehrern an der Genfer Musikhochschule. Und das Bild der winterlichen Stadt Genf inspirierte den Komponisten Lionel Rogg auch zu der ”Evocation”, einem insgesamt sehr ruhigen Noten-Fresko, kontrastiert von einem lebhaft aufgepeitschten Mittelteil. Hier keimte die ganze Bandbreite an Emotionen des Interpreten auf – die sich dann zur vollen Reife steigerte, als es an Julius Reubkes ausladende Orgelsonate ging. Ihr liegt der 94. Psalm zu Grunde: dramatische Verse vom rächenden, helfenden, liebenden Gott, vom Organisten plastisch und mit Nachdruck in Szene gesetzt. Das bedurfte einer perfekten, pianistisch ausgerichteten Spieltechnik . Giorgio Parolini schöpfte aus dem Vollen.
Christoph Schulte im Walde (aus „Westfälische Nachrichten“, 1. Mai 2001)